100 Jahre Groß-Berlin Texte

Überlegungen zur Tagung
Groß-Berlin und die Wohnungsfrage


Indem wir das Thema Wohnungsfrage mit dem Thema Groß-Berlin (und einem internationalen Vergleich) verbinden, möchten wir verdeutlichen, dass ohne Groß-Berlin die uns heute selbstverständliche, auf den seinerzeitigen Großraum Berlin bezogene Wohnungspolitik überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Das gilt für Leitbilder und Standards des Wohnungsbaus ebenso wie für die Wahl und Durchsetzung der Standorte als auch für die Trägerschaft und Finanzierung des Wohnungsbaus.
In der Zeit nach 1945 wird das gespaltene, doppelte Berlin nicht nur weitgehend auf die eigenen Stadtgrenzen zurückgeführt, es entwickelt sich auch in unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Dennoch sind beim Wohnungsbau interessante Parallelen zu beobachten. Durch Großsiedlungen wie Märkisches Viertel, Marzahn und Gropiusstadt rückt Berlin bis an seine Grenzen. Das Nebeneinander von Flächensanierung und Großsiedlungsbau sollte ost-west-übergreifend dem Ziel einer umfassenden Verbesserung und Angleichung der Wohnverhältnisse dienen und wurde gleichermaßen mit großen Trägern und umfassender öffentlicher Förderung verfolgt.
Nach dem Fall der Mauer werden die Grenzen von Groß-Berlin schnell zu eng, obwohl die Bevölkerungsentwicklung weit weniger dynamisch verläuft als anfangs prognostiziert, oder besser propagiert. Aus Stadtflucht und Stadtrandwanderung resultiert ein eher mäßiger Bevölkerungsgewinn im Umland. Dennoch, inzwischen leben ein Viertel der Großraumberliner im Speckgürtel. Deshalb sind auch für Berlin die wohnungspolitischen Strategien von Brandenburg und den Umlandkommunen, die fortbestehenden Konkurrenzen und der Blick in die Region von wachsendem Interesse.
Erst seit wenigen Jahren wächst die Einwohnerzahl Berlins wieder. Die nicht unerheblichen Leerstandsreserven der späten 1990er Jahre sind längst aufgebraucht. Der Zuzug geflüchteter Menschen hat das Einwohnerwachstum rasant beschleunigt. Trotz unsicherer Prognosen ist im Ballungsraum mit einem weiteren Zuwachs zu rechnen. Deshalb müssen Chancen und Risiken eines Wohnungsbaus jenseits der Stadtgrenzen von Berlin neu diskutiert werden. Diese Debatte muss auf Augenhöhe mit Brandenburg geführt und sorgfältig planerisch begleitet werden. Obwohl Berlin und Brandenburg mit der gemeinsamen Landesplanung über eine geeignete Institution verfügen, ist diese Frage bisher nicht angemessen angesprochen worden.
Wenn wie jetzt schnell viele und vor allem bezahlbare Wohnungen zusätzlich gebraucht werden, ist ein radikaler Wechsel in der Trägerschaft, Konzipierung und Finanzierung des Wohnungsbaus unvermeidlich. Genauso wie eine Neubewertung bautechnischer Standards des Wohnungsbaus sowie eine planerische Optimierung zur Reduzierung des Flächenverbrauchs (an Bauland genauso wie für die einzelne Wohnung) und damit der Baukosten. Serielles Bauen und Standardabsenkung (keinesfalls in Richtung Substandard) stehen genauso auf der Tagesordnung wie die Planung neuer Stadtviertel und angesichts des dringenden Unterbringungsbedarfs auch die Errichtung von temporären Bauten. Gebraucht wird auch jenseits der öffentlichen Förderung eine Handhabe zur Einflussnahme auf die Qualität des Wohnungsbaus. Ein Zuwachs an übergroßen und luxuriös ausgestatteten Wohnungen ginge am Bedarf an bezahlbaren Kleinwohnungen komplett vorbei.
Sozial tragbarer Wohnungsbau gelingt nicht ohne massives Engagement der öffentlichen Hand. Dies betrifft die räumliche Planung, die Baulandbereitstellung, bautechnische Vorgaben und insbesondere die Finanzierung. Berlin ist aufgrund seiner Entstehungsgeschichte eine Stadt-Region resp. Regional-Stadt par excellence. Vergleichbar etwa mit London ist Berlin ein Archipel aus Stadtinseln, allerdings mit großzügigen Freiräumen. Berlin besteht außerhalb des verdichteten S-Bahnrings aus kompakten (Teil)Städten, die nicht alle, aber überwiegend über ein eigenes Zentrum verfügen und eine gute gesamtstädtische Anbindung aufweisen. Deshalb kann eine regionale Weiterentwicklung und Verdichtung nach dem Leitbild einer kompakten, vernetzten und nachhaltigen Stadt gut ohne negative Umweltauswirkungen gelingen. Der verkehrlichen Anbindung und Verknüpfung mit zukunftsträchtigen Verkehrsträgern muss dabei genauso Priorität eingeräumt werden wie einer aus stadtklimatischen wie sozialen Gründen gleichermaßen erforderlichen Entwicklung hochwertiger Grünräume. Die Leitidee des Siedlungssterns bietet dafür eine sehr gute Grundlage.
Die Wohnungsfrage bleibt zentral und gewinnt angesichts der jüngsten Bevölkerungsprognose – Zuwachs um weitere 200.000 Personen – und des Defizits an leistbaren Wohnungen – aktuelle Studien gehen von rd. 170.000 Wohnungen aus – weiter an Brisanz. Der soziale Zusammenhalt, die Zukunftsfähigkeit und das Antlitz der Stadtregion hängen gleichermaßen von ihr ab. Deshalb verdient ihre Bearbeitung im grenzübergreifenden und gesellschaftspolitisch prominenten Rahmen eine höhere Priorität als derzeit erkennbar.
Dabei kommt der strategischen Zusammenarbeit von Senat und Bezirken sowie der regionalen Kooperation mit dem Land Brandenburg und den Nachbargemeinden eine wachsende Bedeutung zu. Es ist unwahrscheinlich und aus unserer Sicht auch nicht vorrangig, dass dabei neue administrative Grenzen und Strukturen debattiert oder konzipiert werden. Mit der Gemeinsamen Landesplanung, den kommunalen Nachbarschaftsforen, dem Verkehrsverbund und dem erprobten Instrument der Staatsverträge verfügen Berlin und Brandenburg über ausreichende Werkzeuge für die Regionalentwicklung des Metropolenraums. Es gilt aber sie zielgerichtet zu nutzen.

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