Mitte

Zeitgemäß, zukunftstauglich. Ein Plädoyer für die Austreibung mittelalterlicher Geister zwischen Fernsehturm und Spree

Prof. Dr. Wolf R. Eisentraut
In: Neues Deutschland vom 29. Juni 2009, S. 24 [ PDF ]

Mit dem Abriss des ehemaligen Palastes der Republik – und erst mit diesem – ist mitten in Berlin eine große Leere entstanden, die man nun dem großen Freiraum östlich der Spree anlastet. Zunehmend melden sich Befürworter des fälschenden Nachbauens verlorener Strukturen zu Wort, nebenbei geben sie so dem Begriff Rückbau, der in aktueller offizieller Leseart den Abriss von Plattenbauten beschönigt, die wahre Bedeutung wieder: Zurück in die Vergangenheit, zurück in deren bauliche Strukturen.
Sowohl Berlinern als auch Besuchern kommt aber in der räumlichen Erfahrung des großen Freiraumes vor dem Fernsehturm und des Marx-Engels-Forums keineswegs die mittelalterliche Stadt in den Sinn, die nur noch durch ein reales Zeugnis, die Marienkirche, vertreten ist, ansonsten bewegt man sich in einer Raumschöpfung der Moderne. Man muss in Büchern nachschlagen, um an dieser Stelle die Altstadt Berlins zu sehen. Richtig ist, dass die Stadtgründung im Bereich der Nikolaikirche erfolgte und dass die mittelalterliche Stadt mit eng bebauten Quartieren auf der Fläche des heutigen Freiraumes ausgebreitet war. Diese Bebauung ist aber verloren. Keineswegs ist das durch angebliche Planungswillkür der historisch kurzen DDR-Zeit erfolgt, sondern es ist das Ergebnis einer jahrhundertlangen historischen Entwicklung, die durch permanente Transformation und schließlich durch Kriegszerstörung gekennzeichnet ist.
Über Jahrhunderte weitgehend unverändert, traten im späten 19. Jahrhundert die ersten radikalen Veränderungen ein. Es war vor allem die Entwicklung der neuen Industrie- und Bankengesellschaft, die ihre bauliche Manifestation suchte und vor allem in der neuen Friedrichs- und Dorotheenstadt fand. Der mittelalterliche Stadtkern unterlag moralischer Abwertung, weil er eben nicht dem Bild dieser neuen Gesellschaft entsprach. Hinzu kamen pragmatische Anforderungen aus der Entwicklung des Verkehrs und insbesondere des Stadtbahnnetzes und der Entwicklung großer Arbeiterquartiere im Norden und Osten Berlins, die Umgestaltungen erforderten.
Von grundsätzlichem Einfluss war der Durchbruch der Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Karl-Liebknecht-Straße) um 1890, der nicht nur die bis dahin monarchistisch dienende, nur auf das Schloss führende Straße Unter den Linden in einen stadtverbindenden und vor allem die östlichen Stadterweiterungen anbindenden Straßenzug von gesamtstädtischer und bürgerlicher Bedeutung erhob, sondern auch nach repräsentativer straßenraumbegleitender neuzeitlicher Bebauung verlangte. So verloren sich an der Nordseite des Gebietes von der Spree bis zur Marienkirche damals schon die mittelalterlichen Parzellenstrukturen, von denen einige heute träumen. Der Fortschritt forderte weiteren Tribut: Ein ganzes Stadtquartier wurde abgerissen, um das neue Rote Rathaus zu errichten. Weiter ersetzten später ein Haupt-Postamt sowie Bank- und Geschäftshäuser große Teile der mittelalterlichen Stadt. Somit war bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Homogenität der Bebauungsstruktur verloren.
Wer jetzt meint, die mittelalterliche Stadt, die Keimzelle Berlins läge unter der Rasenfläche des Marx-Engels-Forums und man brauche sie nur zu erwecken, irrt also gewaltig. Wo will man, wenn man schon rückwärts blickt, denn den historischen Bezug setzen? Die Realität ist: Berlin hat an dieser Stelle keinen historischen Stadtkern mehr und die zweifelhafte Qualität nachempfindender Wiedererrichtung kann man im Nikolaiviertel studieren, welches weder alt noch neu ist und zwischen Mittelalter und Plattenbau eine merkwürdige Symbiose darstellt. Freilich, heute wird die Weiterführung solcher Planungsphilosophie wohl eher von Townhouses dominiert. Aber auch dazu gibt es eben schon im Friedrichswerder recht zweifelhafte Beispiele, ästhetisch sowieso, aber vielmehr bautypologisch, weil die Berliner Mietshausstadt eben nicht von englischen Townhouses charakterisiert war und wohl auch nicht sein wird.
Das mittelalterliche Viertel wurde nicht abgeräumt, um ein Marx-Engels-Forum zu schaffen. Vielmehr ist der Verlust der Bebauung die unmittelbare Folge der Kriegszerstörung – nur wenige Relikte, vor allem gründerzeitlicher Bebauung, waren übrig. Ebensowenig schuf man den großen Freiraum vor dem Fernsehturm, um, wie so oft behauptet, staatshuldigende Demonstrationen zu ermöglichen. Dazu gab es den Marx-Engels-Platz auf dem Areal des ehemaligen Schlosses. Der große Stadtraum auf der anderen Spreeseite sollte eben Erlebnis- und Begegnungsraum der Berliner sein, wenngleich die Erlebnisdichte in Teilbereichen eher gering war, vor allem auch, weil die vor dem Fernsehturm entwickelte Gestaltungsintensität mit Kaskaden und Brunnen zur Spree hin deutlich nachließ. Heute kommt nun ein großer Mangel hinzu, seit dem Abriss des Palastes fehlt dem Raum die Fassung an der Spreeseite und er geht in die große Leere des Schlossplatzes über, was seiner Wirkung und Aufenthaltsqualität in hohem Maße abträglich ist.
Die Entwicklung des Zentrumsbandes geht auf die fünfziger Jahre zurück, unterschiedlichste Entwurfsvarianten kursierten im Laufe der Zeit. Lange war der Ort einem zentralen Regierungsgebäude vorbehalten, erst mit der Durchsetzung der Idee, einen Fernsehturm mitten in die Stadt zu sezten, und mit der einhergehenden Errichtung des Staatsratsgebäudes an anderer Stelle wurde davon Abstand genommen. Höchst interessant sind die Entwürfe zu diesen Bauten, in großer Spannweite zwischen dem Stileinfluss Moskaus bis hin zu Hermann Henselmanns großer Halle. So gab es auch ein breites Spektrum für die Freiraumgestaltung, von der Erweiterung der Spree als großes Becken bis an die Spandauer Straße bis zu Planungsvorschlägen, die die Kaskaden vom Fuße des Turmes bis zur Spree hinunterführen wollten. Wenn auch die seitlichen Raumfassungen beiderseits nach und nach vervollständigt worden sind, blieb die Gestaltung des Zusammenhangs als aktiv zu nutzender Stadtraum bis heute fragmentarisch. Vor allem wirken heute die tangierenden Verkehrsführungen in der Karl-Liebknecht-Straße und zunehmend auch in der Rathausstraße qualitätsmindernd, hinzu kommt die trennende Wirkung der Spandauer Straße, die nach »Wiederaufbau« des ehemaligen Klosterviertels unverhältnismäßig große Verkehrsmengen aufnehmen muss.
Zweifellos war die Anlage eines großen zentralen Freiraumes von gesamtstädtischer Bedeutung in solcher Großzügigkeit nur unter den damals herrschenden wirtschaftlichen Bedingungen, die sich über Grundstücks- und Parzellengrenzen hinwegsetzen konnten, möglich. So ist es ein Zufall der Geschichte, dass diese Fläche infolge der Kriegseinwirkungen zur Disposition stand, und ist ein Ergebnis bewussten Handelns progressiver Stadtplaner, dass Berlin inmitten der Stadt heute über eine solche Freifläche verfügt. Nicht die kleinliche Angst vor der Größe und in Folge kleinteiliges Zersiedeln, sondern das Bewusstsein um die Chance der Wirkung dieser Fläche als alleinstellendes städtisches Gestaltungsmerkmal sollte das weitere Handeln bestimmen, damit der Stadtraum genutzt und nicht durch Mittelalterfantasien zerstört wird.
Radikale Eingriffe in die Pariser Stadtstruktur schufen die dort so typischen Boulevards. Wir aber müssen nicht eingreifen, sondern haben einen solchen Raum inmitten der Stadt, mit dem wir angemessen umgehen sollten. Sicher, diesen nur als Park zu nutzen, wäre zu wenig, wenn sich auch hier der Größen- und Lagevergleich mit dem Tuilerien in Paris aufdrängt. Aber hier soll nicht auf andere Metropolen geschaut werden, »Sei Berlin!«, möchte man ausrufen, sei mutig in der Aneignung dieses einmaligen Stadtraumes. Dazu braucht man geistigen Freiraum zur Gestaltung, nicht aber dogmatische Bindungen an alte Strukturen.
Man sehe den Zusammenhang der Stadt, die Raumfolge Pariser Platz, Unter den Linden, Bebelplatz und Lustgarten und dann eben den großen Freiraum zwischen Spree und Fernsehturm bis hin zum Alexanderplatz in kontinuierlicher, aber kontrastreicher Raumfolge.
Man sehe die zunehmende Verdichtung der Innenstadt, vielerorts verbunden mit dem Verzicht auf Freiflächen. Nicht zuletzt ist die ungeheure Verdichtung am Alexanderplatz zu nennen, die heute erst in Ansätzen erkennbar ist. Dies alles verbietet gleichsam, diesen Raum zu zerstückeln.
Man sehe auch die gegebene und zukünftige Maßstäblichkeit. Der Fernsehturm kann wohl kaum aus mittelalterlichen Gebäudestrukturen herauswachsen, er braucht sein der Größe angemessenes Vorfeld. Und sollten einmal doch die geplanten Hochhauscluster am Alexanderplatz Wirklichkeit werden, wird man glücklich sein über den dann entstehenden einmaligen Kontrast.
Schließlich sei die Wirkung umgebender Gebäude genannt. Das Humboldtforum wird mit seiner Ostseite die ehemalige Wirkung des Palastes der Republik aufnehmen. Nicht zufällig gab es im Schlosswettbewerb mehrere ernstzunehmende Vorschläge, die einen Freiraum östlich des Stadtschlosses in die Komposition einbezogen. Und auch der aktuelle Entwurf schlägt eine Stadtloggia für die Ostseite vor, die selbstverständlich ein angemessenes räumliches Gegenüber und keine pseudoromantischen mittelalterlich anscheinenden Dächlein braucht. Schon heute wirkt der Berliner Dom kraftvoll in diesen Freiraum.
Die Marienkirche hatte früher eine enge räumliche Fassung, sie war von Häusern gleichsam umstellt. Muss sie solche wiederhaben oder ist ihre Wirkung und Präsenz in der gegenwärtigen Form als Solitär nicht eher verbessert oder gesteigert? Ebenso hat der Baukörper des Roten Rathauses mit seinem Turm überhaupt erst durch die Freistellung seine angemessene Wirkung erhalten, zumal in jüngster Zeit auch noch eine funktionelle Qualität des großen Rathausplatzes hinzukommt: Hier lässt sich trefflich demonstrieren, aber vielmehr auch feiern und veranstalten.
Der große Freiraum stellt in seiner Einmaligkeit einen unschätzbaren Wert für die Innenstadt dar, den es zu entwickeln, nicht zu zerstören gilt. Ideen werden gebraucht, um ihn als vielseitig nutzbaren, attraktiven und einmaligen Stadtraum zu profilieren. Er muss mehr sein als ein Park, hervorragende Ansätze bieten die Kaskaden vor dem Turm und der Neptunbrunnen vor dem Rathaus einerseits und der Spreefluss anderseits – Letzterer ist gegenwärtig kaum erlebbar. Eine Absenkung des Geländes oder die Verbreiterung des Flusses könnten zusätzliche stadttypische Erlebnisse erschließen. Ebenso ist die Modulation der Maßstäbe und Breitenentwicklung denkbar, seitliche Randbebauungen sind nicht ausgeschlossen, und vielleicht könnte auch die alte Idee eines Solitärbaues in achsialer Lage zum Fernsehturm eine neue Bewertung erfahren, möglicherweise sogar als Kunsthalle, jedoch bitte nicht in der derzeit provisorischen und unambitionierten Kastenform. Doch alles erfordert Fantasie und Anstrengung der Besten. Die Flucht in die Wiedererweckung historischer, aber vergangener und somit zuletzt ahistorischer Bilder kann nicht der Weg sein, schon gar nicht in einer Zeit, da aktuell sechs Großsiedlungen der frühen Moderne aus Berlin zum Weltkulturerbe erhoben worden sind. Das verpflichtet, hier einen zeitgemäßen und zukunftstauglichen städtischen Freiraum, den es so eben nur in Berlin gibt, für geistigen Freiraum zu schaffen. Dieser Geist möge die Freunde des Heiligengeistviertels erleuchten.

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