Mitte

Historische Mitte. Warum Ex-Senator Flierl gegen eine Bebauung ist

Dr. Thomas Flierl
In: Berliner Morgenpost vom 17. Mai 2009 [ PDF ]

Das Abgeordnetenhaus hat am vergangenen Donnerstag mit den Stimmen von SPD, Linken und Grünen eine wichtige Grundsatzentscheidung getroffen. Noch vor der Beschlussfassung über den Bebauungsplan zum Humboldt-Forum soll der Senat „Grundsätze zur Gestaltung des grüngeprägten öffentlichen Stadtraums“ zwischen Spree und Alex vorlegen. Die breite Mehrheit des Abgeordnetenhauses wendet sich damit gegen die Altstadtpropaganda der Freunde des historischen Berlins unter Führung von Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann, die die Gestaltung dieses Bereiches ausschließlich aus der Zeit vor 1945 herleiten wollen.
Die historische Altstadt Berlins war von Beginn an dadurch gekennzeichnet, dass das Rathaus nie am
Marktplatz und in Sichtweite der Stadtkirche, der Marienkirche, stand. In der barocken Stadterweiterung nach Westen und Süden geriet die Altstadt in eine fast periphere Lage. Auf dem Weg Berlins zur Metropole wurde der Alex zum Platz des Ostens. Gleichzeitig verstärkte dies die historisch bereits eingetretene Trennung der sozial-kulturellen Welten östlich des Alex und westlich des Schlosses. Die Monumente der aufstrebenden Kommune Berlin siedelten sich „hinter“ dem Roten Rathaus an: das Stadthaus mit der geplanten Behördenstadt ebenso wie das Märkische Museum.
Eine Art Central Park
Anders als vor dem Zweiten Weltkrieg trennt dieser Bereich die Stadt nicht mehr, sondern verbindet sie. Noch unzureichend, aber gestaltbar. Zu Recht muss man das Verschwinden der Altstadt durch Krieg und Nachkriegsabriss bedauern. Mit „Marx-Engels-Forum“ wird dieser ganze Bereich aber heute bewusst falsch bezeichnet. Der DDR-Stadtplanung ging es nicht zuerst darum, Marx und Engels zu verewigen, sondern den Alex mit der Friedrichstadt zu verbinden und so ein stadträumliches Defizit der Vergangenheit zu beseitigen.
Das so entstandene große öffentliche Zentrumsband mit dem Park an der Spree, dem Forum am Rathaus und dem Bereich um den Fernsehturm und die Marienkirche bietet Berlin eine große Chance.
Zunächst war es feste Vereinbarung im 1999 beschlossenen Planwerk Innenstadt, zwischen der
Hochhausplanung am Alex und der Bebauung am Friedrichswerder diesen grüngeprägten öffentlichen Stadtraum als eine Art Central Park inmitten der Stadt schon aus ökologischen Gründen zu erhalten. Noch wesentlicher: Dieser Raum verbindet endlich Marienkirche und Rathaus. Er weitet den mittelalterlichen Marktplatz zum großstädtischen Stadtforum mit seinen grandiosen Monumenten verschiedener Epochen: Marienkirche, Rathaus, Fernsehturm, demnächst: Humboldt-Forum. Das ist die Funktion der städtischen Mitte: Ort zu sein, an dem sich die Berliner Bürgergesellschaft im Bewusstsein ihrer Geschichte selbst anschauen und erleben kann, in Freude und Zorn. Mit einer am mittelalterlichen Stadtgrundriss orientierten Bebauung fiele dieses Forum für die politische und kulturelle Öffentlichkeit weg. Wenn der Regierende Bürgermeister zukünftig die Champions aus Berlin auf dem Rathaus-Balkon begrüßen möchte, hätten die feiernden Massen von einem rekonstruierten Neuen Markt an der Marienkirche gar keinen Blickkontakt zu ihnen.
Aus diesen Gründen darf dieses Stadtforum zwischen Spree und Alex auf keinen Fall für die ewig gleiche Mischung aus Wohn- und Geschäftshäusern wie in der Friedrichstadt oder gar durch Townhouses mit null Urbanität wie am Friedrichswerder bebaut werden. Mit dem Park an der Spree hat das Humboldt-Forum, wie zuvor der Palast der Republik, die Gelegenheit, visuell auch nach Osten zu wirken und die Stadt zu verklammern. Dies intendiert ja auch der Entwurf von Franco Stella. Schloss und Altstadt wandten sich dagegen immer die Rückseiten zu.
Natürlich muss die Fläche zwischen Fernsehturm und Spree nicht bleiben, wie sie ist. Sie wurde nicht nur vernachlässigt, sie weist auch strukturelle Defizite auf. Ich könnte mir als Erstes die Reduzierung des Verkehrs und die Verschmälerung der Spandauer Straße vorstellen.
Bebaung nur an den Rändern
Auch eine behutsame Bebauung an den Rändern entlang der Liebknecht- und eventuell der Rathausstraße ist denkbar. Sie müsste aber die öffentliche Nutzung des Stadtraums unterstützen (Gastronomie, Galerien, Kultur). Auch ein die Bandstruktur nicht störender Solitär für eine öffentliche Einrichtung, wie ihn Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) ins Gespräch gebracht hat, wäre möglich. Besondere Untersuchung benötigt der Bereich um die Marienkirche. Sie sollte aber im Forum erlebbar bleiben. Dominant geht es also um ein Freiflächenkonzept. Bei diesem kann auch an die mittelalterliche Struktur erinnert werden. Auch eine verkleinerte, nicht so raumgreifende Platzierung des Marx-Engels- Denkmals ist denkbar. Anhand der jetzt vorgesehenen temporären Aufstellung, die in Abstimmung mit den Urhebern erfolgt, lässt sich das ausprobieren. Der bekannte Ruf nach Schönheit, die nur im Alten erblickt wird, arbeitet zumindest indirekt der Bauspekulation zu. Denn, anders als behauptet, würden im Falle der Ausweisung der jetzigen Grünflächen als Bauland die Landesgrundstücke Nachforderungen der Voreigentümer hervorrufen und könnten gar keine Gewinne in die Landeskasse spülen. Umgekehrt, Berlin müsste die Erschließung für die Grundstücke sichern, könnte dies aus Finanzgründen aber nicht und würde den Privaten eine umso höhere bauliche Auslastung zusichern müssen. Mit drei bis vier Geschossen wie in mittelalterlich geprägten Altstädten üblich, ginge das gewiss nicht ab. Spätestens dann aber wäre der Traum von der historischen Altstadt geplatzt.

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