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Ausstellung Richard Paulick [Nachlese/Presse]

Rezensionen

Dessau, Shanghai, Berlin, Halle-Neustadt
Tanja Scheffler · publiziert in Bauwelt 22/2019

Er war einer der wichtigsten Architekten und Stadtplaner der DDR: Richard Paulick (1903–79). Sein Mitwirken an der Ost-Berliner Karl-Marx- Allee ist allgemein bekannt, viele seiner anderen Projekte sind es dagegen nicht. Eine Ausstellung im „Café Sibylle“ zeichnet jetzt seinen Lebens- und Berufsweg facettenreich nach – vom Bau- haus in Dessau über seine Emigration nach Shanghai bis zu den industriellen Bauweisen und neuen Planstädten der DDR.

Der erste Bauabschnitt der später in Karl- Marx-Allee umbenannten Stalinallee (1952–54) war ein Gemeinschaftswerk vieler Architekten: Hermann Henselmann realisierte mit den beiden Ensembles am Strausberger Platz und Frankfurter Tor die prominentesten Abschnitte. „Leiter des Aufbaustabs Stalinallee“ und damit Chef- architekt dieses Projektes war jedoch Richard Paulick, der hier wichtige Bauten schuf: Das „Café Sibylle“ befindet sich im klassisch-monu- mentalen Block C (1953). Bereits in den frühen 2000er Jahren wurde dort eine Ausstellung zur Geschichte der Karl-Marx-Allee eingerichtet – für Architekturtouristen nach der Inaugenscheinnahme des gebauten Ensembles ein idealer Anlaufpunkt. Jetzt ist sie durch die neue Paulick- Schau der Hermann-Henselmann-Stiftung er- setzt worden. Die verschiedenen Themen dieser Ausstellung wurden jeweils intensiv betreut und kuratiert: Die Zeit in Dessau von Wolfgang Thöner, die Projekte in Shanghai von Eduard Kögel, die DDR-Zeit von Andreas Butter und Ulrich Hartung, das Spätwerk von Oliver Sukrow. Dafür wurde auch Paulicks Nachlass im Architekturmuseum der TU München ausgewertet, und so sind auch viele vorher weitgehend unbekannte Projekte zu sehen. Denn Paulick geriet mehrfach ins kultur- politische Sperrfeuer, in China und der DDR. Mit dem Effekt, dass immer wieder interessante Planungen in der Schublade verschwanden und realisierte Projekte nicht in den öffentlichen Diskurs eingingen.

Paulick wurde in der später nach Dessau ein- gemeindeten Stadt Roßlau geboren. Sein Vater (SPD-Funktionär und Landtagspräsident von Sachsen-Anhalt) setzte sich vehement für die An- siedlung des Bauhauses ein. Paulick begann sein Studium jedoch 1923 in Dresden und wechselte 1925 zu Hans Poelzig an die TH Berlin. Ab diesem Zeitpunkt hatte er, als Pendler zwischen Heimat- und Studienort, einen engen Kontakt zum nach Dessau umgezogenen Bauhaus, ent- warf zusammen mit Georg Muche mit dem „Stahlhaus“ einen Experimentalbau aus einer mit Stahltafeln beplankten Stahlskelettkonstruktion und arbeitete nach seinem Abschluss 1927 im privaten Bauatelier von Walter Gropius unter anderem am Dessauer Arbeitsamt und der Sied- lung Dessau-Törten sowie dem später nicht realisierten Projekt einer Stadtkrone für Halle/Saale.

Nachdem Gropius das Bauhaus verlassen hatte, betreute Paulick die vor Ort noch abzuschließen- den Projekte, folgte ihm nach Berlin und arbei- tete bis 1930 weiterhin in dessen Atelier, realisierte ab 1928 aber auch erste eigene Projekte, wie die beiden in der Nähe des Bauhausgebäudes ge- legenen Villen Naurath und Hahn sowie die an Dessau-Törten angrenzenden DEWOG-Häuser. Das erste größere Berliner Projekt, an dem Pau- lick beteiligt war, war die Kant-Garage (1930, Bauwelt 17.2004).

1933 emigrierte Richard Paulick nach Shanghai, wo er sich mit Inneneinrichtung und Möbelbau („The Modern Home“) beschäftigte, mit weiteren Partnern verschiedene Architekturbüros grün- dete und dabei unter anderem eine Hochschule, eine Siedlung für die chinesische Luftwaffe in Nanjing, eine Bergbaustadt für 600.000 Einwoh-ner und viele private Wohnhäuser baute. Ferner entwarf er als Berater der staatlichen Eisenbahn- gesellschaft Bahnhöfe. Ab 1943 lehrte er als Professor an der amerikanischen St. John’s Uni-versity, der damals angesehensten Hochschule Shanghais. Parallel dazu war er ab 1945 Direktor des dortigen Stadtplanungsamtes, flüchtete je-doch Ende 1949 vor der heranrückenden Armee Mao Tsedongs zurück nach Europa.

Paulick kam im Frühjahr 1950, in der Hochphase der kulturpolitischen „Formalismus-Debatte“ der DDR, in Ost-Berlin an, als alle modernen Strö- mungen in der Kunst und Architektur verfemt waren. Jedoch kam er, obwohl er sich anfangs massiv gegen die historistische Linie wehrte, auf- grund seines traditionellen Grundstudiums in Dresden gut mit historischen Stilen zurecht und konnte diese weiterentwickeln. Durch die zügige Errichtung der Deutschen Sporthalle an der Stalinallee (1951) sowie die organisatorische und baustellentechnische Oberleitung des Boule- vards, etablierte er sich innerhalb weniger Jahre als eine der wichtigsten Leitfiguren der ost- deutschen Architekturszene. An seinen anderen Berliner Projekten, wie dem Wiederaufbau der Staatsoper, des Prinzessinnenpalais als Operncafé oder des Kronprinzenpalais, kann man die Bandbreite seines Schaffens erkennen.

Als die Architekturmoderne aufgrund der zu- nehmenden Industrialisierung des Bauwesens ab Mitte der 50er Jahre in der DDR wieder oppor- tun wurde, war Paulick – der sich bereits seit Dessau-Törten mit vorgefertigten Bauteilen und Kranbahnen auskannte – der geeignete Kandidat für den Aufbau neuer Industriestädte. Als Chef- architekt und Leiter der Aufbaustäbe in Hoyerswerda, Schwedt und Halle-Neustadt konnte er den ostdeutschen Städtebau dieser Ära maß- geblich prägen. Dabei forcierte er auch viele neue Konstruktionen, wie die HP-Fertigteilschalen.

Vor allem Halle-Neustadt war weitgehend nach Paulicks Vorstellungen angelegt, mit einer Magis- trale, einem repräsentativen zentralen Platz
und hierarchischen Baumassengliederungen. Dabei konzipierte er die ersten Wohnkomplexe als größere geschlossene bauliche „Einheiten“ und ließ großzügigere, auch in der Silhouette wahrnehmbare Zentrumsbauten errichten (Bauwelt 40.2014). Aus seinem Spätwerk ist vor allem die „Akademie der marxistisch-leninistischen Orga-nisationswissenschaft“ (AMLO) hervorzuheben, ein klarer Kubus mit einer strukturierten Fassade aus emaillierten Metallblechen. Die Vielfalt seiner Projekte lässt erahnen, warum vieles von Paulicks Gesamtwerk bislang kaum bekannt ist: Ihm scheint es wichtiger gewesen zu sein, wir- kungsvolle städtebauliche Räume zu schaffen und darin funktionale wie plastisch-markante Bauwerke einzusetzen, als vielmehr einen auf Dauer erkennbaren, immer wieder gleichen Ent-wurfsstil zu pflegen.

Aus Shanghai nach Berlin
Wissenschaftler vom IRS Erkner auf den Spuren des Architekten Richard Paulick

Von Marion Dammaschke  ·. publiziert in MOZ (Märkischer Sonntag) vom 2./3. November 2019, Titelfoto plus S. 3.

Berlin/ Erkner. Das legendäre Café Sibylle in der Karl-Marx-Alle ist bei Einwohnern und Berlin-Besuchern beliebt, nicht zuletzt weil hier Architekturgeschichte am authentischen Ort zu erleben ist und zu diesem Thema Veranstaltungen und Ausstellungen stattfinden. Eine neue Präsentation widmet sich jetzt dem Architekten und Bauhäusler Richard Paulick (1903-1979). Auf Initiative der Hermann-Henselmann-Stiftung und im Rahmen der „Triennale der Moderne“ wird der Lebensweg und das Schaffen des kreativen Architekten vorgestellt, der ab 1951 als Leiter des Aufbaustabes der Stalinallee – so hieß der Boulevard bis November 1961 – maßgeblich am Wiederaufbau Berlins beteiligt war und das städtebauliche Gesicht der Hauptstadt mitprägte. 100 Jahre Bauhaus bietet einen Anlass mehr, um an ihn zu erinnern und zu zeigen, welche beruflichen Wege Architekten des Bauhauses in der DDR einschlagen konnten.
Konzipiert wurde die Schau von einem Team, dem auch der Kunst- und Architekturhistoriker Andreas Butter angehörte, der im Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner arbeitet. Zu den Forschungsaufgaben dieser Wissenschaftseinrichtung gehört die Aufarbeitung der Planungs- und Baugeschichte der DDR. Zugleich verfügt das Institut über ein umfangreiches Archiv. In dessen Fundus werden auch ausgewählte Exponate aus dem Nachlass von Richard Paulick aufbewahrt. Andreas Butter, der wie Paulick aus Dessau stammt, hatte sich ihm bereits in seiner Dissertation über die Ostmoderne zugewandt und zusammen mit dem ebenfalls an der Ausstellungsvorbereitung beteiligten Architekturhistoriker Ulrich Hartung dazu eine grundlegende Publikation verfasst.
Paulick lernte in jungen Jahren Meister des Bauhauses kennen, nicht zuletzt weil sein Vater maßgeblich dazu beitrug, dass das Weimarer Bauhaus sich 1925 in Dessau ansiedelte, bevor es auf Druck der Nazis 1933 in Berlin zur Selbstauflösung gezwungen wurde. Er teilte die Idee vom anspruchsvollen und funktionalen Bauen für breite Volksschichten. 1933 emigrierte der Sozialist nach China, arbeitete vor allem als Innenarchitekt in Shanghai und unterrichtete Studenten. Nach 17 Exiljahren entschied er sich bewusst für das Leben und Arbeiten in der DDR. Dabei grenzte er sich von gedankenlosen Übernahmen sowjetischer Architektur ab und kritisierte beispielsweise ein neu erbautes Moskauer Hochhaus mit spitzen Worten: „Nach meiner Auffassung entspricht es nicht den ideologischen und künstlerischen Ausführungen, wenn man diesem Hotelhochbau eine feudalistische Narrenkappe aufsetzt.“ Paulick gilt als früher Wegbereiter der DDR-Architektur, der sich in einer neuen Entwicklungsetappe stark auf nationale Traditionen besann und historische Gebäude im Sinne des Denkmalschutzes – wie beim Wiederaufbau des Forums Unter den Linden mit der Staatsoper – errichtete. Als ab Mitte der 1950-er Jahre die Industrialisierung des DDR-Bauwesens mit der Wiederbesinnung auf die Moderne einherging, bekam Paulick neue Aufgaben. Neubaustädte wie Hoyerswerda, Schwedt oder Halle-Neustadt wurden von ihm mitgeplant und gestaltet.
Dabei stand Paulick, der zu den renommierten Architekten in der DDR gehörte, zumeist im Schatten seines 1995 verstorbenen Kollegen Hermann Henselmann. Mit der Ausstellung wird dazu beigetragen, seine Leistungen wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Richard Paulicks Schaffen spiegelt exemplarisch, so die Wissenschaftler, die Widersprüche, Abhängigkeiten und Entwicklungsetappen der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts wider, die eine Aufnahme in die UNESCO-Weltkulturerbeliste verdienen.
Service: Die Ausstellung „Bauhaus, Shanghai, Stalinallee, Ha-Neu – Der Lebensweg des Architekten Richard Paulick“ ist bis zum 30. Juni 2020 im Café Sibylle in der Berliner Karl-Marx-Allee Nr. 72 zu sehen.

Foto: Marion Dammaschke
Bildunterschrift: Andreas Butter (li.) ist Kunst- und Architekturhistoriker und arbeitet am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner. Er gehörte wie auch Ulrich Hartung zum Wissenschaftsteam, das die neue Richard-Paulick-Ausstellung konzipierte.

Hochhäuser frei von ‹feudalen Narrenkappen›
Richard-Paulick-Ausstellung im Café Sibylle

Von Marion Dammaschke. ·. publiziert in Randberliner am 22. 10.2019, S. 7.

Im legendären Café Sibylle in der Karl-Marx-Allee, die bis Herbst 1961 den Namen Stalins trug und heutzutage vom stolzen Aufbauwillen der jungen DDR zeugt, ist in authentischer Umgebung Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts zu erleben. Mitte Oktober wurde im bei Einwohnern und Berlin-Besuchern beliebten Café eine neue Ausstellung eröffnet, in dessen Mittelpunkt der Architekt und Bauhäusler Richard Paulick (1903-1979) steht. Auf Initiative der Hermann-Henselmann-Stiftung und im Rahmen der „Triennale der Moderne“ wird der Lebensweg und das Schaffen des kreativen Architekten vorgestellt, der ab 1951 als Leiter des Aufbaustabes der Stalinallee maßgeblich am Wiederaufbau Berlins beteiligt war und das städtebauliche Gesicht der Hauptstadt mitprägte. 100 Jahre Bauhaus bietet einen Anlass mehr, um an ihn zu erinnern und zu zeigen, welche beruflichen Wege Architekten des Bauhauses in der DDR einschlagen konnten.
Paulick, der aus Roßlau stammte und dessen Vater maßgeblich dazu beitrug, dass das Weimarer Bauhaus sich 1925 in Dessau ansiedelte, bevor es auf Druck der Nazis 1933 in Berlin zur Selbstauflösung gezwungen wurde, teilte die Idee vom anspruchsvollen und funktionalen Bauen für breite Volksschichten. 1933 emigrierte der Sozialist nach China, arbeitete vor allem als Innenarchitekt in Shanghai und unterrichtete Studenten. Nach 17 Exiljahren entschied er sich bewusst für das Leben und Arbeiten in der DDR. Dabei grenzte er sich von gedankenlosen Übernahmen sowjetischer Architektur ab und kritisierte beispielsweise ein neu erbautes Moskauer Hochhaus mit spitzen Worten: „Nach meiner Auffassung entspricht es nicht den ideologischen und künstlerischen Ausführungen, wenn man diesem Hotelhochbau eine feudalistische Narrenkappe aufsetzt.“ Er gilt als früher Wegbereiter der DDR-Architektur, der sich in einer neuen Entwicklungsetappe stark auf nationale Traditionen besann und historische Gebäude im Sinne des Denkmalschutzes – wie beim Wiederaufbau des Forums Unter den Linden mit der Staatsoper – errichtete. Als ab Mitte der 1950-er Jahre die Industrialisierung des DDR-Bauwesens mit der Wiederbesinnung auf die Moderne einherging, bekam Paulick neue Aufgaben. Neubaustädte wie Hoyerswerda, Schwedt oder Halle-Neustadt wurden von ihm mitgeplant und gestaltet.
Dabei stand Paulick, der zu den renommierten Architekten in der DDR gehörte, zumeist im Schatten seines 1995 verstorbenen Kollegen Hermann Henselmann. Die neue Ausstellung will dazu beitragen, seine Leistungen wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Konzipiert wurde die Schau von einem Team, dem auch der Kunst- und Architekturhistoriker Andreas Butter angehörte, der im Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner arbeitet. Zu den Forschungsaufgaben dieser Wissenschaftseinrichtung gehört die Aufarbeitung der Planungs- und Baugeschichte der DDR. Zugleich verfügt das Institut über ein umfangreiches Archiv. In dessen Fundus werden auch ausgewählte Exponate aus dem Nachlass von Richard Paulick aufbewahrt. Andreas Butter, der wie Paulick aus Dessau stammt (Roßlau ist heutzutage ein Stadtteil), hatte sich ihm bereits in seiner Dissertation über die Ostmoderne zugewandt und zusammen mit dem ebenfalls an der Ausstellungsvorbereitung beteiligten Architekturhistoriker Ulrich Hartung über diese Zeit ein grundlegendes Buch verfasst. Paulicks Schaffen spiegelt exemplarisch, so die Wissenschaftler, die Widersprüche, Abhängigkeiten und Entwicklungsetappen der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts wider, die eine Aufnahme in die UNESCO-Weltkulturerbeliste verdienen.
Service: Die Ausstellung „Bauhaus, Shanghai, Stalinallee, Ha-Neu – Der Lebensweg des Architekten Richard Paulick“ ist bis zum 30. Juni 2020 im Café Sibylle in der Berliner Karl-Marx-Allee Nr. 72 zu sehen.

Fotos: Marion Dammaschke
Bildunterschrift: Auf vielen Fotos ist Richard Paulick mit Hut abgebildet. Der schwarze Pariser Modellhut hat jetzt, so Andreas Butter, in den architekturhistorischen Sammlungen des IRS in Erkner einen besonderen Platz gefunden.
2. Bei der Ausstellungseröffnung war auch die Enkelin des Architekten Natascha Paulick eine gefragte Gesprächspartnerin.</small >