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Stadtmitte als öffentlicher Raum


Wolfgang Kaschuba
Stadtmitte als öffentlicher Raum und als Ort kommunaler Demokratie

«Öffentlicher Raum» und «kommunale Demokratie»: Diese beiden Begriffe lieferten uns immer wieder wichtige Motive und Bezugspunkte für die Debatten um die Bebauung der Berliner Mitte. Beide sind allerdings nicht analytischer Natur, sondern kommen doch eher «emblematisch» daher. Das heißt, dass sie in eher sinnbildlicher und assoziativer Weise für die Idee einer bürgergesellschaftlichen Lebenswelt stehen, in der politische Diskussion und kommunale Mitsprache konstitutive Elemente sind. Insofern wirken sie durchaus wie eine Art ethischer Imperativ: «So sollte es sein!»
Damit sind die Begriffe zwar zur allgemeinen Konsensformel heutiger Debatten um kommunale Politik und Partizipation geworden. Was sie hier und heute jedoch genau bedeuten sollen, bleibt weithin verschwommen. Jedenfalls insofern, als wir ihre soziale Form und ihre politische Wirkung vorwiegend noch in historischen Bildern und Konfigurationen zu fassen versuchen, weil wir dafür aktuelle, neue bislang kaum entworfen haben.
Und in diesen alten Bildern erscheint als der materielle und soziale Ort kommunaler Demokratie eben meist jener klassische europäische Rathausplatz im Stadtzentrum, bevölkert von überwiegend männlichen Bürgern, manchmal in Geschäfte und Unterhaltung, mitunter aber auch in heftige Debatten vertieft. Dann gesellen sich zu den engagierten Bürgern vor dem Rathaus oder auf dessen Balkon eventuell Stadträte und Bürgermeister, die in einem räumlich wie politisch leicht asymmetrischen Dialog von oben nach unten ihrem lokalen Volk eine Aussprache anbieten – vielleicht aber auch nur kurz und bündig empfehlen: «Geht wieder heim, Leute!»

Ich karikiere hier natürlich absichtlich, um das Problem polemisch zuzuspitzen. Doch so oder so ähnlich jedenfalls überliefern uns Gemälde und Fotographien, Zeitungen und Geschichtsbücher das charakteristische Szenario kommunalpolitischer Partizipation im 19. und 20. Jahrhundert – mal mehr und mal weniger harmonisch in seinem Verlauf, doch stets in dieser spezifisch öffentlich-räumlich-dialogischen Form. Und Jürgen Habermas hat dieses typologisierte Szenario in historisch-demokratietheoretischer Absicht aufgenommen, um darin die Ur- und Grundformation des öffentlichen bürgerlichen «Raisonnements» zu identifizieren: ein sich physisch versammelndes bürgerliches Publikum, das sich im öffentlichen Raum vor dem Rathaus als selbstbewusster Träger der «öffentlichen Meinung» präsentiert.
In vieler Hinsicht scheint mir dieser Grundtypus in unseren Diskussionen immer noch als das Ziel und Ideal kommunaler Demokratie hindurch zu schimmern, obwohl er in unseren heutigen Lebenswelten als basispolitisches Paradigma so doch längst nicht mehr funktionsfähig ist. Dazu sind unsere Stadtlandschaften und Stadtgesellschaften sozial wie kulturell wie repräsentativ viel zu komplex und viel zu heterogen geworden.

Doch wie und wo formieren sich und funktionieren dann städtische Öffentlichkeit und kommunalpolitische Demokratie heute? In den Zeiten von Blogs und Tweets, von Bürgerinitiativen und Netzwerken, von Stadtforen und Runden Tischen, also von neuen sozialen, zivilgesellschaftlichen und medialen Formationen? – Und vor allem: Brauchen denn städtische Öffentlichkeiten und kommunale Politikformen heute überhaupt noch einen festen und zentralen physischen «Ort» – wie eben den Rathausplatz? Und wenn ja: lässt sich solch ein Ort wirklich planen, also räumlich, architektonisch und sozial in quasi politisch-programmatischer Absicht gestalten? –
Weil hier sehr knapp und zugespitzt argumentiert werden soll, beantworte ich vor allem die beiden letzten Fragen kurzerhand mit: Ja! Wir brauchen solch einen Ort und wir können ihn schaffen. – Gerade in Berlin und in seiner Mitte.

Und ich will nun in fünf kurzen Anmerkungen zu skizzieren und begründen versuchen, weshalb mir dieser Ort nötig erscheint und wie er im Falle der Berliner Mitte vielleicht gestaltet werden könnte.

• «Genius Loci».
Seit der europäischen Aufklärung meint dieser Begriff den besonderen Geist, die besondere Botschaft, die besondere Idee eines spezifischen Ortes – hier also die von Berlin und seiner Mitte. Und man könnte im heutigen Rückblick auf die jüngere Berliner Stadtgeschichte mit leicht pathetischem Unterton formulieren, dass diese Geschichte wie eine Theaterinszenierung in zwei großen Akten daherkommt.
In einem ersten und längerem Akt, der etwa den Zeitraum von 1900-1989 umfasst, scheint in diesem Stück das «Stadtschicksal Berlin» die Hauptrolle zu spielen. Diese von Karl Scheffler aus dem Jahr 1910 übernommene Figur des «Stadtschicksals» lässt sich auf die wechselnden historischen Rollen Berlins beziehen, die die Stadt mal als Akteur, mal als Opfer zeigen, mal als Spiegel, mal als Bühne nationaler wie europäischer Geschichte und Politik. Jedenfalls scheint Berlin dabei immer deutlich vor allem in äußere Entwicklungen und Bedingungen verstrickt: als Reichshauptstadt wie als Revolutionshauptstadt, in der Weimarer Republik wie im Nationalsozialismus, als zerstörte wie als geteilte Stadt nach 1945.
Der zweite und kürzere Akt wiederum – die Zeit nach 1989 – zeigt eher die «Stadtgesellschaft Berlin» in der Hauptrolle, die nun die Bühne selbst mit ihren inneren Dialogen bespielt: Also mit den Debatten um das Zusammenwachsen und die Krisenbewältigungen, um administrative und politische Gesamtkonzepte, um Mobilität und neue Stadtkultur.

Und dieses zweite Rolle, die der nun vielfach auch auf sich selbst bezogenen Stadtgesellschaft und Stadtlandschaft, scheint wesentlich für die «Marke Berlin» heute: Für die vielfältigen und meist positiven Außenansichten einer offenen und toleranten Stadtgesellschaft, einer vielfältigen und vermischten Stadtkultur, eines urbanen Raumes mit großen Freiheiten der Lebensstile und engagierter Zivilgesellschaft. Beides zusammen also: Die historisch-politische und die sozial-kulturelle Dimension machen diesen «Genius Loci» von Berlin aus, die besondere nationale wie internationale Strahlkraft der Stadt.
Und dies vor allem auch deshalb, weil die urbanen Räume hier (noch?) als tatsächlich öffentlich und lebendig erscheinen, als funktional offen und vielfach ungeordnet, genutzt von Einheimischen wie von Touristen und bespielt von Party wie Politik. Dies eben: die Offenheit und Vielgestaltigkeit macht das «kulturelle Kapital» Berlins heute aus.

In dieser Berliner Stadtlandschaft wiederum erscheint die Mitte als ein nochmals besonderer sozialer und symbolischer Ort. Denn sie kommt zunächst wie eine große «Mischzone» daher, als eine Art «Kreuzung» von Verkehr und Wohnen, von Shopping und Tourismus, von Kultur und Politik. So bildet sie in der Stadtlandschaft insgesamt eine ganz eigene, mittige «Kleinlandschaft», deren Erstreckung und Bedeutung nicht mehr vergleichbar ist mit klassisch engen Rathausplätzen und fokussierten Stadtzentren.
Vor allem jedoch ist hier das Thema, das in diesen urbanen Raum eingeschrieben ist, nicht «Hauptstadt Berlin», sondern vielmehr «Stadtgesellschaft Berlin». Und diese eigene Widmung drückt sich ja auch im räumlichen Spannungsverhältnis aus zu den neuen klassischen «Hauptstadtorten» zwischen Reichstag und Pariser Platz.
Diese besondere Rolle ist allerdings bislang eher angedeutet, als bereits wirklich identifiziert und ausgeführt. Insofern muss die Mitte nach den Jahrzehnten der zivilgesellschaftlichen Wüste vor dem Roten Rathaus in diese Rolle erst noch hineinwachsen. Es bedarf also noch weiterer Anstrengungen der Stadtgesellschaft wie der Stadtpolitik, um aus der Mitte ein wirkliches Zentrum bürgerschaftlicher Aktivitäten und Präsenzen zu machen, einen wirklichen räumlichen Fokus von Stadtgeschichte, Stadtgesellschaft und Stadtpolitik.
In dieser sich nun allmählich herstellenden «Verfassung» der städtischen Gesellschaft wie in der besonderen historisch-politischen «Widmung» der Stadtmitte existiert damit jedoch bereits ein erstes und eigenes «Politikum»: Die jetzige wie zukünftige Mitte als Ort und Bühne der «urbanen Verhandlungsgesellschaft»!

• Die Anderen: Blicke nach draußen.
Dies ist in vieler Hinsicht fast ein Alleinstellungsmerkmal des heutigen Berlins: sich als «urbane Verhandlungsgesellschaft» zu konstituieren und zu präsentieren. Denn andere Metropolen verkörpern dies kaum – und haben auch kaum mehr die Chance dazu. Denn in Paris oder London, in Prag oder Moskau ist die Stadtmitte längst verspielt, verkauft, verspekuliert. Die Stadtzentren sind dort reserviert für Konsum und Hochkultur, für Tourismus und Eventpolitik. Und sie stellen sich heute vielfach als mehr oder weniger reine Touristen-Ghettos dar: Hochpreisig von den Immobilien bis zur Esskultur, monokulturell im Blick auf den majoritären Senior-Touristenstamm, durch Preis- wie Sicherheitsschranken für Einheimische wie Dauerbewohner kaum mehr begehbar und attraktiv – und nach 22:00 Uhr in vornehmer Bettruhe.
So sind dies zwar nach wie vor oft prächtige Stadtzentren, jedoch für Einheimische wie zivilgesellschaftliche Akteure eher «Nicht-Orte», weil exklusiv durch Funktion wie Ökonomie und damit in vieler Hinsicht «tote» Zentren.

Etwas anders sieht es zum Beispiel in Wien aus, das historisch wie aktuell eher mit Mischungskonzepten operiert. Zwar dominieren auch hier im Zentrum Konsum, Hochkultur und Tourismus mit hochpreisigen Angeboten. Aber dazwischen gibt es nach wie vor etwa Parks und Caféhaus-Traditionen als Erbschaften wie Club- und Kunstszenen als neue Errungenschaften und Orte der Stadtkultur – und vielfach eben auch zivilgesellschaftliche Initiativen. Innerhalb des Wiener Rings sind so Quartiere erhalten geblieben, in denen sich Wohnen und Freizeit, Verweilen und Verhandeln nach wie vor mischt, wo also wirkliches «öffentliches Leben» stattfindet.
Wien ist damit kein absolutes Vorbild für Berlin, liefert aber doch immerhin Hinweise für die Berliner Mitte, stets auf die Mischung von Nutzungen und Menschen zu achten und dabei vor allem auch die ansässige Wohnbevölkerung als Träger und Moderatoren innerstädtischer Öffentlichkeiten wertzuschätzen und zu stärken.
Sonst entsteht das, was eine französische Journalistin kürzlich auch bereits in Berlin zu entdecken glaubte: «Und die Oranienburger Straße? Überbewertet und von Touristen und Hippstern überlaufen… Man findet sie in Trendvierteln der ganzen Welt: Bastille in Paris, Shoreditch in London, Williamsburg in New York. Dieselbe Klientel, dieselben Geschäfte, dasselbe Essen. Und dann dieser eigenartige Augenblick, in dem man kurz nicht mehr weiß, in welcher Stadt man ist.» Und sie notiert dann: «Das echte Berlin ist hier.» Und meint damit ausgerechnet die eher langweilige Hauptstraße in Schöneberg (Tagesspiegel 27.02.2016).

• «Verhandlungsort Mitte».
Wenn die Berliner Mitte also vor allem der Ort der Stadtgesellschaft sein soll und nicht nur der Ort für den Hauptstadttourismus, dann darf sie nicht primär zum «Erlebnisraum» werden sondern muss vor allem «Verhandlungsraum» sein. Also ein Ort, an dem die Praktiken und Prinzipien des urbanen Alltags gelten und die Fragen und Themen seiner gemeinsamen Gestaltung auf der Tagesordnung stehen.
Und dies wäre in der Tat sinnvoll, denn zwischen der «Benutzeroberfläche Hauptstadt» und der «Benutzeroberfläche Bezirk/Nachbarschaft» böte die Mitte dann gleichsam eine wichtige Zwischenebene an, auf der sich die Gesamtstadt, die Stadt als kollektiver Akteur, die identitäre Dimension Berlins in neuer Weise entfalten und fokussieren kann: Die Mitte im weiteren Sinne als «Aushandlungsort» der Stadtgesellschaft – in Sichtweite zur Stadtpolitik und Stadtverwaltung in und ums Rathaus.

Die Planungsgruppe Stadtkern hat in ihren Positionspapieren bereits darauf hingewiesen, wie sehr die Raumsituation der Mitte bereits ein bedeutungsvolles urbanes Spannungsfeld ergibt. Vor allem durch das Zusammenspiel unterschiedlichster räumlicher und sozialer Kontexte: Mit Museumsinsel und Humboldt-Forum als Orten der «Hochkultur», mit Alexanderplatz und Alexa als Raum von «Kommerz», mit Marienkirche und Marx-Engels-Forum als Zonen der «Kontemplation» und eben mit Rathaus und Forum als Raum der «Politik».
Damit sind historische wie architektonische, funktionale wie sozialräumliche Bezüge benannt, die der Mitte ihre symbolischen Bedeutungen und Achsen geben. Und damit wird dieser Raum eben auch in politischer Hinsicht akzentuiert: nämlich um das, mit dem und gegen das Rathaus. Auch wenn dort nicht mehr die primären politischen Funktionen beherbergt sind, thematisieren diese Bezüge dennoch das Leitmotiv des zentralen Verhandlungsortes für öffentliche und kommunal-politische Belange. –
Der spezifische Genius Loci meint in sofern in der Tat «Politik» und muss also gar nicht neu erfunden werden.

• Öffentlichkeit als urbane und öffentliche Praxis.
Was heißt das eigentlich heute: Öffentliche und kommunalpolitische Nutzung? Was tun die Leute, was tun wir da?
Zunächst eben offenbar nicht mehr das, worauf das Eingangs zitierte alte Bild vom Rathausplatz hinwies: einfach hingehen und nach Bürgermeister Müller rufen. Kommunalpolitik und Zivilgesellschaft treten heute vielmehr in Mischungen und Variationen auf, wie sie sich aus den besonderen Dynamiken der Stadtgesellschaft und der Stadtkultur ergeben. Also in Mischformen aus Alltag, Freizeit und Politik, in Gestalt von interventionistischen und performativen Praktiken, von Bürgerinitiativen, die Transparente wie coffee to go mit sich tragen, von Demonstrationen, die als Event wie Kunstaktion daherkommen – kurz: als ein «Gesamtkunstwerk», bei dem Flanieren, Konsumieren, Diskutieren, Protestieren oft nahtlos ineinander übergehen. Rituelle Aktionsformen wie die 1. Mai-Kundgebung scheinen da doch eher Auslaufmodelle zu werden.
Mischungen sind es aber auch in Hinblick auf die Akteure, auf ihre Anliegen und Interessen. Das reicht von der Kleinaktion veganer Initiativen bis zu Großprotesten von gentrifizierungskritischen Bewegungen, von Berufsgruppen bis themenbezogenen Netzwerken, von eher homogenen bis völlig heterogenen Publika. Und es ist eben selten «reine Politik» und selten eine «reine Politikformation», sondern eher ein Spektrum sich «politisierender» Formen und Formationen, die in oft gleitenden Übergängen vom Schauen und Diskutieren über das Prominieren und Erholen zum Intervenieren und Demonstrieren übergehen. – So funktioniert jedenfalls nach unseren Beobachtungen immer mehr die zivile Bewegung und zivile Vergemeinschaftung gerade im heutigen Berlin.

Dafür aber braucht es eben auch passende Raumstrukturen: also sowohl Freiflächen als auch Nischen, Parkanteile wie Cafés, Häuser wie Bühnen, Sichtachsen wie historische Bezugspunkte. Und alles zusammen muss eine Atmosphäre schaffen, die «Bewegung» in allen möglichen Formaten möglich macht: in vielfältigen lokalen Formen der Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung – um uns hier einmal an den großen Soziologen Max Weber anzulehnen.

• Die Mitte als Landschaft und Möglichkeitsraum. – Oder: Was zählt is auf´m Platz!
Die Berliner Mitte als kommunalpolitischer Ort darf also weder eine «Bürger-Hüpfburg» werden noch ein «Verkehrsübungsplatz Kommunalpolitik» noch ein «Geschichts-Lehrpfad». Vielmehr muss sie eine Zone, eine eigene Landschaft «öffentlicher» Räume, Treffpunkte und Verweilorte werden, die ihrerseits wiederum spezielle Verhaltens- wie Gestaltungsmöglichkeiten draußen wie drinnen anbieten. Also eine Landschaft und Raumstruktur, die Anlässe zur Kommunikation und Organisation schafft, die ihnen buchstäblich «Raum» anbietet und die damit breite Teilhabe und offenen Zugang ermöglicht.
Die zivilgesellschaftlichen Bewegungen sind heute ja ständig auf der Suche nach solchen Räumen, Orten und Bühnen, die symbolisch aufgeladen und bedeutungsvoll sind, weil sie Geschichte und Zukunft zusammen bringen, Eigenes und Fremdes, Lokales und Großstädtisches, Kultur und Politik. Und dafür werden «offene Formen» deutlich bevorzugt: also Projektformen, Interventionen, Kampagnenmodelle, Netzwerke. Das zeigen alle Studien zu aktuellen zivilgesellschaftlichen Bewegungen.

Solche symbolischen wie politischen Bezugspunkte sind in der Mitte zwischen Rathaus, Alex und Marx-Engels-Forum alle bereits vorhanden. Sie müssen jedoch noch mehr betont und noch besser aufgearbeitet werden, damit diese Bedeutungen und Symboliken auch unmittelbar als Aktivitäts- und Partizipationsangebote wirksam werden können. Das meint räumlich ebenso behutsame Verdichtungen wie die Respektierung gewachsener Freiflächen. Und dies lässt sich weder politisch oktroyieren noch architektonisch einfach konstruieren. Vielmehr geht es darum, über Architektur und Infrastruktur Möglichkeiten anzudeuten, Räume und Orte anzubieten, Anlässe zu schaffen und Aktivitäten aufzunehmen.
Und diese räumlich-organisatorischen Angebote müssen heute sein: gerade in Zeiten digitaler Praktiken und Aktivitäten, die sich uns als Ersatz für soziale Zusammenkünfte anzubieten scheinen. Denn Studien etwa aus den USA zeigen, dass dort Städte und Stadtgesellschaften ohne urbane Mitte, ohne Lokalzeitung, ohne Kontaktzonen und ohne bürgerschaftliche Initiativen «tot» sind. Denn Stadtgesellschaft meint immer auch eine soziale und physische Veranstaltung, die durch und in öffentlicher Präsenz und Präsentation «lebt». Oder eben in den Worten des großen Philosophen Otto Rehhagel (der aber lieber Fußballtrainer werden wollte): «Was zählt, is´ auf´n Platz!» – wobei ich damit aber (noch) kein Fußballfeld auf dem Alex vorschlagen will.
Doch anderes wäre abschließend vorzuschlagen: einige prinzipielle Überlegungen und einige konkrete Anschauungsmöglichkeiten.

Bei den Prinzipien käme es mir auf vier Balancen an, die einzuhalten wären: 1. die zwischen nutzbarem Wohnraum und öffentlichem Raum, 2. die zwischen Kleinräumigkeit/Nischigkeit und Großräumigkeit/Flächigkeit, 3. die zwischen Stadtpolitik und zivilgesellschaftlicher Politik und 4. die zwischen Fertigbauen und Offenlassen. – Gemeint sind also Prinzipien, die dafür sorgen können, dass die Mitte als Gestaltungs- und Bauprozess gedacht wird und damit in der Tat auch «prozesshaft» bleibt – mehr eine Aufgabe der Zivilgesellschaft selbst als die der Planer und Politiker.

Und einige Vorschläge für die Möblierung der räumlichen Mitte könnten – nun ganz konkretistisch – vielleicht so aussehen:
• «Schaufenster» im Rathaus: Arbeits- und Diskussionsräume im Roten Rathaus, in denen Pläne, Ideen und Orte für die bürgergesellschaftliche Stamm- wie Laufkundschaft verfügbar sind;
• ein «Mitte-Forum» oder «Berlin-Pavillon», der als bedachter stadtbürgerlicher Treffpunkt dienen und als «lokales» Pendant zum «globalen» Humboldt-Forum in der Nachbarschaft wirken kann;
• freizuhaltende «Flanierräume» in der Mitte, mit Cafés und Restaurants, die eben auch als raum-zeitliche «Magneten» wirken: vor oder nach dem «Aufstehen» zur Demonstration gibt es eben auch ein gemeinsames «Sitzenbleiben»;
• eine Bühne, etwa auf dem Marx-Engels-Forum, auf der Kunst, Popkultur und Politik stattfinden können: also eine tatsächliche mittige «Schaubühne»;
• eine Screen-Wand: groß und draußen, für Kunst- und Politikprojekte, die möglichst einfach und frei bespielbar sein muss – gerne auch Erinnerungen wecken darf an die frühere alte Screenwand am Kranzler-Eck, in der nachts Kunstaktionen stattfanden oder Kurzfilme gezeigt wurden. Das war schon damals ungeheuer attraktiv (vor allem für die «jüngere» Zivilgesellschaft);
• denkbar auch eine Bibliothek (etwa im Rathaus), eine Außenstation des Stadtmuseums (auch dort) oder ein Erzählcafé – also Orte, an denen Wissen, Information und Traditionen der Mitte verfügbar gemacht werden;
• zu denken wäre auch an einen «Bürgerstrand» an der Spree oder ein «Urban Gardening» Feld im Marx-Engels-Forum, eben als Aufenthalts- und Praxisorte «bürgerlicher» Aktivitäten (über die heute niemand mehr lächelt);
• und wirklich nützlich schienen mir schließlich vor allem noch zwei Dinge: zum einen eine Fußgängerbrücke, die das Humboldt-Forum mit dem Marx-Engels-Forum verbindet und damit «Passagen» in und um die Mitte ermöglicht. Und zum zweiten und vor allem ein «Forums-Beirat», der als «soziale Brücke» in die Stadtgesellschaft hinein dienen kann und der die Moderation, Organisation und Ermutigung auch derjenigen Stadtgruppen betreibt, die nicht zu den «üblichen Verdächtigen», als zu «uns» gehören; ein Beirat, der also auch die «anderen» einbindet, von den Anwohnern bis zu den Flüchtlingen.

Soweit, so utopisch: meine Träume von der Berliner Mitte.