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Eine neue urbane Mitte

Dr. sc. Bruno Flierl
In: Berlins vergessene Mitte, Berlin 2010, S. 215f. [ PDF ]

Wer einen Ort umgestalten will, muss fragen, warum er so geworden ist, wie er ist, und was künftig werden soll. Der große Stadtinnenraum zwischen Alexanderplatz und Spree im ehemaligen Altstadtkern der Mitte in Berlin entstand beim Neu-Aufbau nach den schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg.

Die Mitte von Berlin war 1945 mit der Teilung der Stadt in vier Sektoren der Siegermächte und 1949 mit der Teilung Deutschlands in zwei Staaten dem „Osten“ von Berlin zugefallen: zunächst als Sowjetischer Sektor, dann als Hauptstadt der DDR. Die funktionelle und städtebaulich-architektonische Herausbildung dieses Ost-Teils der Stadt zur Hauptstadt eines gesellschaftlich neuen States im Osten des ehemaligen Deutschlands stand stadtstrukturell unter äußerst schwierigen Bedingungen: die alte Mitte der Stadt, die zum Zentrum Ost-Berlins werden sollte, lag nun plötzlich azentral zum eigenen Stadtgebiet. Sie musste daher mit dem Osten der Stadt effektiv verbunden werden. Eine solche Verbindung aber war – infolge der dominant westlich orientierten Stadterweiterung der historischen Altstadt Berlins seit dem 18. Jahrhundert – nie vorgebildet worden. Die um 1900 aufgekommene Idee, die vom Westen über die Charlottenburger Chaussee und die Straße Unter den Linden führende Stadtachse bis zum Berliner Schloss auf der Spreeinsel nicht nur, wie bereits 1884 über die Spree in die Altstadt hinein zu verändern, sondern durch sie hindurch als Ost-West-Achse der werdenden Weltstadt Berlin auszubilden, scheiterte zweimal an den von Deutschland geführten und verlorenen Weltkriegen. Erst der DDR gelang es beim Aufbau nach dem letzten Krieg – auf der ökonomischen Grundlage staatlichen Eigentums an Grund und Boden – den fehlenden Ost-Arm der großen Achse zur Durchwegung der Stadt zu schaffen, nicht mehr wie früher geplant als Durchbruch von West nach Ost nördlich am Alexanderplatz vorbei in die Landsberger Allee, sondern realisiert als neue Hauptstadt-Magistrale zur Erschließung des Stadtzentrums von Osten her in der historischen Spur der Frankfurter Allee und weiterführend über den Alexanderplatz bis zur Spreeinsel und in die Straße Unter den Linden zur Friedrichstraße und zum Brandenburger Tor. Im Prozess der Verwirklichung dieser neuen stadträumlichen Trasse – Zentrale Achse genannt – entstand das Zentrumsband der DDR-Hauptstadt vom Alexanderplatz bis zum Forum Fridericianum und vice versa, zwischen ihnen der große Stadtinnenraum mit dem Fernsehturm und dem Palast der Republik.

Heute ist auf der Spreeinselmitte – nach dem Abriss der Palast der Republik – der Wiederaufbau des Berliner Schlosses geplant. Noch nicht vergeben ist der Bereich zwischen Spree und Alexanderplatz. Rückbau in die Altstadt von Berlin aus Liebe zur Vergangenheit vor der DDR oder Weiterbau in die Zukunft nach der DDR? Das ist die Frage. Meine Position lautet: keine virtuelle Altstadt-Inszenierung als Themenpark der Vorvergangenheit, sondern kritische Fortsetzung der in jüngster Vergangenheit geschaffenen stadträumlichen Struktur für heutige und künftige Ansprüche der Bewohner und Besucher der Stadt an urbane Kommunikation in der Mitte von Berlin.

Der vorgefundene grüngeprägte öffentliche Stadtraum zwischen Alexanderplatz – zentraler Ort des Einzelhandels und des Verkehrs – und der Spreeinsel – Ort der Weltkultur – sollte als ein erlebbares Ganzes erhalten und in seiner bereits angelegten Dreiteilung funktionell und gestalterisch differenziert entwickelt werden. Der östliche Bereich um den Fernsehturm – vom S-Bahnhof bis zur Jüdenstraße – sollte ein großstädtischer Ort der Begegnung und des Verweilens werden. Der westliche Bereich zwischen Spandauer Straße und Spree sollte als Park mit freiem Blick zum Fluss sowie mit Gartenrestaurants an seinem nördlichen und südlichen Rand entwickelt werden. Das dort existierende Marx-Engels-Denkmal sollte in weniger raumgreifender, aber sinnbewahrender Aufstellung am Ort erhalten bleiben. Der mittlere Bereich mit Rathaus und Marienkirche sollte einen „Berlin-Pavillon“ erhalten: als Ort und Symbol lebendiger Debatten von Bürgerschaft und Stadtregierung über Berliner Perspektiven und Projekte. Ein solcher – lediglich zwei Geschosse hoher – Bau, zumal, wenn er dem Rathaus gegenüber an der Karl-Liebknecht-Straße in der Querachse des Raumes zwischen Alexanderplatz und Spree stünde, würde – zusammen mit dem gestalteten Freiraum vor dem Rathaus für Meetings und Feste – die Stadt-Identität dieses Raum wesentlich erhöhen. Der Neptunbrunnen sollte an seinem heutigen Ort verbleiben, da er an seinem früheren Ort, dem Schlossplatz, seine inzwischen erworbene Attraktion verlöre.

Die drei Teilbereiche dieses großen Raumes sollten ihren Funktionen gemäß unterschiedliche Namen erhalten: Am Fernsehturm, Rathausforum, Park an der Spree. Sie bezeichnen Adressen für eine neue urbane Mitte am historischen Ort der früheren Altstadt von Berlin, in der Geschichte zukunftsorientiert aufgehoben ist.