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Schluss mit der Stückwerksplanung am Alexanderplatz!

Positionspapier der Hermann Henselmann-Stiftung
24. Februar 2014 [ PDF ]

Was geschieht am Alexanderplatz? Kommt endlich das von manchen lange ersehnte erste neue Hochhaus? Aber auf welcher städtebaulichen Grundlage? Auf Grundlage eines neuen Planes, der die langjährige Kritik und bauliche Veränderungen aufgreift oder weiterhin mit dem mehr als zwanzig Jahre alten «Kollhoff-Plan»? Schon die Entscheidung von Senat und Investor für einen Wettbewerb im letzten Sommer löste Erstaunen aus. Dessen kürzlicher Abschluss mit dem ersten Preis an den Architekten Frank O. Gehry für ein 150 Meter hohes Gebäude fachte die kritische Debatte wieder an. Zu Recht – denn es geht nicht nur um ein Hochhaus, sondern um die Zukunft des Alexanderplatzes. Und es geht ein weiteres Mal um die stadtentwicklungspolitische Kompetenz des Landes Berlin und um ein weiteres Beispiel mangelnder Planungskultur in Berlin.

Der Alexanderplatz ist einer der bedeutendsten Plätze des Berliner Zentrums, Knotenpunkt gewaltiger Fußgängerströme, die hier die öffentlichen Verkehrsmittel wechseln, Bühne vieler Menschen, die sich hier treffen oder einkaufen, zentraler Platz des Berliner Ostens. Im 20. Jahrhundert war er mehrfach Gegenstand radikaler Umbauten und Veränderungen: gegen Ende der Weimarer Republik, in der NS-Zeit und durch die Kriegszerstörungen, in den 1960er Jahren durch die Neuplanung der DDR-Zeit. Nach der Wiedervereinigung sollte er erneut radikal überformt werden.

Der von Hans Kollhoff und Helga Timmermann 1993 gewonnene Wettbewerb zielte auf eine beispiellose Verdichtung, die allerdings nur politisch gewollt war und wirtschaftlich keine Grundlage hatte. Bis heute steht keines der damals vorgeschlagenen Hochhäuser. Das gesamte Hochhauskonzept war – unabhängig davon, ob man es schön fand oder nicht – von Anfang an unrealistisch, eine Komposition, die einen Mega-Investor, eine starke, autoritäre, staatsdirigistische öffentliche Hand voraussetzte. Denn es machte nur Sinn, wenn alle Hochhäuser realisiert werden, und wenn diese Hochhäuser miteinander harmonieren. Das war die Botschaft des siegreichen Entwurfs. Und diese war aufgrund der vielen unterschiedlichen Grundeigentümer seltsam weltfremd. Der Plan hatte noch eine weitere Botschaft: Außer den Bauten von Peter Behrens (Alexander-Haus und Berolina-Haus) wurde der gesamte Gebäudebestand für wertlos befunden und zur Disposition gestellt. Das Haus des Lehrers und die Kongresshalle wurden in der zweiten Reihe unsichtbar. Das Centrum-Warenhaus und das Hotel Stadt Berlin wurden überplant. Die Hochhäuser verstellten wichtige Blickbeziehungen zum Fernsehturm, die umgebenden Wohnbauten wurden ignoriert oder eliminiert.

Der «Kollhoff-Plan» war aber nicht nur von Anfang an ein Problem, er ist durch die Entwicklung der letzten 20 Jahre noch problematischer geworden. Kein Investor war trotz Baurecht zunächst bereit, in ein Hochhaus zu investieren. Das vorhandene Hotel-Hochhaus aus der DDR-Zeit – 125 Meter hoch statt der geplanten 150 Meter der vorgeschlagenen neuen Hochhäuser – wurde modernisiert und nicht durch einen Neubau ersetzt. Der Kaufhausbau aus der DDR-Zeit wurde zwar erhalten, aber in auftrumpfender Weise gegenüber dem Berolinahaus und zu Lasten der Proportionen des öffentlichen Raums erweitert. Die realisierten Neubauten – vor allem das als städtebauliche Barriere wirkende Shopping Center «Die Mitte» – erwiesen sich als kommerzielle Schlichtarchitektur, die den Platz nicht bereichern, sondern banalisieren. Auch im Umfeld finden sich Neubauten, auf die Berlin nicht stolz sein kann: das Alexa Shopping Center, das Parkhaus an der Grunerstraße und der neue Würfel an der Rathausstraße, Alea 101 genannt.

Zwanzig Jahre war dieser Entwurf Symbol des Größenwahns der Nachwendezeit. Da jetzt das Baurecht geändert werden könnte und keine Entschädigungsansprüche mehr bestehen, eröffnet sich heute die Chance einer grundlegenden Überarbeitung dieses verfehlten Projekts.

Doch was ist geschehen? Nach einigen öffentlich verlautbarten Überlegungen über den Sinn, einen neuen Masterplan zu erarbeiten, konfrontierte der Senat die Öffentlichkeit mit einem Wettbewerb, der auf Basis der alten, veralteten, als zu überarbeitend deklarierten Planung beruhte. Sieger dieses Wettbewerbs war Frank O. Gehry mit einem verdrehten Entwurf, der in der Fachwelt zu Recht «wenig Begeisterung», betroffenes Schweigen oder ätzende Kritik auslöste. Unverständnis rief vor allem das «provinzielle» Anhimmeln des «proportional verunglückten Schraubspiels», einer schnell langweilenden Wow-Architektur bzw. «Spektakel-Architektur» hervor, obwohl der bewunderte Star doch nur eine investorenfreundliche «Gehry-2-B-Variante» vorgelegt hat – «ein Schaden für Berlin» (Gerhard Matzig in der Süddeutschen Zeitung vom 31.10.2014). Alles andere als ein «neues Wahrzeichen», auf das Berlin stolz sein konnte. Scharf kritisiert wurde weiter der «Autismus» des preisgekrönten Entwurfs, seine Unfähigkeit, sich in das Umfeld einzufügen, sich mit seinem Umfeld zu vertragen (so auch Birgit Ochs in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 02.02.2014).

Wieder stellt sich die Frage, ob der Senat stadtentwicklungspolitisch handlungsfähig ist. Denn jetzt ist die Politik gefragt, sie muss sagen, wie es weiter gehen soll. Ein abgeschlossener Wettbewerb ist noch keine Entscheidung für den Bau. Baurecht für das autistische Hochhaus gibt es nicht. Es ist das Abgeordnetenhaus, das den hierfür benötigten veränderten Bebauungsplan beschließen muss. Und es ist der Bezirk Mitte, der eine Baugenehmigung erteilen muss. Der mit dem Bebauungsplan abzuschließende städtebauliche Vertrag ist noch nicht verhandelt. Die vom Senat angekündigte Überarbeitung des Masterplans und Unterschutzstellung von denkmalwerten Gebäuden aus der DDR-Zeit stehen aus.

Es ist weder nachvollziehbar noch akzeptabel, dass ein einzelnes Projekt forciert und erst danach die Gesamtplanung geändert wird. Das weitere Vorgehen muss in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Es war die Senatsbaudirektorin, die einen neuen Umgang mit den Plänen für den Alexanderplatz anregte. Weil für viele Projekte die Frist für Schadenersatz bei Veränderungen von Bebauungsplänen bereits abgelaufen sei, könne sich das Land Berlin jetzt überlegen, ob es eine Umplanung vornimmt, die sich stärker an den bestehenden Gebäuden orientiert. «Ob wir diese Chance nutzen wollen, müssen wir jetzt gemeinsam mit dem Abgeordnetenhaus diskutieren», so Regula Lüscher in einem Interview im April 2013.

Was muss getan werden? Nach einer öffentlichen Diskussion müssen durch den Senat und das Abgeordnetenhaus sinnvolle Änderungen des Bebauungsplans beschlossen werden. Aber welche Änderungen sind sinnvoll? Wir meinen, dass eine am heutigen Bedarf sowie am erhaltenswerten Bestand orientierte Planung verfolgt werden kann. Insbesondere sollte das Haus des Reisens erhalten werden, und es sollten die Erfordernisse einer Pufferzone des geplanten Welterbe-Gebietes Karl-Marx-Allee geprüft werden. Der Blick auf den Fernsehturm von den großen, in die Mitte führenden Radialstraßen darf nicht beeinträchtigt werden, weder von diesem noch von anderen möglichen Hochhäusern. Es bedarf eines neuen Masterplans, der eine den Bestand respektierende Verdichtung ermöglicht, durchaus auch mit Hochhäusern, aber mit einer maximalen Höhe von 125 Metern (Orientierung am Hotel-Hochhaus) und unter Freihaltung der Sichtachsen von den Radialstraßen auf den Fernsehturm. Zudem sollte der positive Ansatz des «Kollhoff-Plans», der Rückbau der autogerechten Schnellstraßen, die den Alexanderplatz tangieren, wieder aufgegriffen werden. In einem neuen Masterplan für den Alexanderplatz sehen wir jedenfalls für ein verdrehtes Hochhaus mit 150 Metern keinen Platz mehr.

Das stadtentwicklungspolitisch bisher wenig überzeugende Auftreten der öffentlichen Hand am Alexanderplatz macht ein weiteres Dilemma deutlich: Berlin verfügt über kein Hochhauskonzept. Nach dem Fall der Mauer gab es wenigstens für eine Dekade die informelle Übereinkunft, dass es im zentralen Bereich Berlins drei Plätze gibt, an denen Hochhäuser möglich sind: am Alexanderplatz, am Potsdamer Platz und am Breitscheidplatz. Dies war eine programmatische, wenngleich diskutable städtebauliche Setzung. Heute erscheint es so, als ob immer dort ein Hochhaus möglich wird, wo ein Investor ein Hochhaus bauen will. Projektideen, über deren Stand die Stadt im Ungewissen ist, sind aus Neukölln, Treptow und Hohenschönhausen bekannt. Eine Planungsunklarheit bei Hochhäusern ist die schlechteste denkbare Lösung für eine Stadt. Berlin braucht nicht nur einen neuen Masterplan für den Alexanderplatz, sondern ein Hochhauskonzept für die ganze Stadt.